Allgemein

Fluten wir die exakte Medizin mit Unexaktem bis zur Unkenntlichkeit?

Diese Frage stellt sich immer wieder, wenn man sich mit Medizinen beschäftigt, die wissenschaftlich noch ganz in den Anfängen stecken. Man spürt ein Potential, man erkennt es an Einzelfällen, aber es hält nicht, zieht sich nicht durch.

Um eine Wissenschaft weiter aufzubauen, muss man den Gründer der Wissenschaft überholen. Der Begründer der Homöopathie wollte die Sicherheit „der mathematischen Wissenschaften“ (1) erreichen. Warum nur wurde das bis heute nicht geschafft? Wie haben es die Physiker geschafft, so viel weiter zu sein als wir Mediziner? In keiner Medizin haben wir deren Erfolg erreicht!

Carl Friedrich von Weizsäcker hat das in seinem Buch „Die Tragweite der Wissenschaft“ genau untersucht und erörtert. Ich stelle Ihnen hier den ersten seiner vier Schritte vor.

1. Kant formulierte den elementaren Grundsatz moderner Wissenschaft, deren Anfang wir auf die Vorgehensweise von Galilei datieren dürfen:

Die sinnliche Welt kann durch die Mathematik beschrieben werden. Dies war genau der Punkt, an dem sich Galilei von Platon unterschied.

(2)

Logisch, nicht wahr? Nur dann fliegen Flugzeuge.

Aber hilft das in der Medizin weiter? Erfüllt sie dieses Postulat? Irgendwie ja und irgendwie gar nicht, wird jeder Insider zugeben. Woran liegt das?

Sie ist eingebettet in eine historische Entwicklung! Auch die Physik musste sich dorthin entwickeln. Es wird Sie erstaunen zu hören, dass die zu Zeiten Galileis neue Wissenschaft Physik

  • zunächst eine Himmelsmechanik war
  • und erst sekundär auf die irdischen Vorgänge angewandt wurde.

Schauen Sie: Zuerst ein eingeschränkter Anwendungsbereich, der Himmel. Und plötzlich zeigt sich, dass die gleichen Gesetze des Himmels auch auf der Erde gelten. Ein Tabubruch für die damalige Zeit, die Himmel und Erde fein säuberlich trennte!

Von da an tickte die Erde verbotenerweise wie der Himmel. Man kann sich heute noch an den hohen gotischen Kirchtürmen und den armseligen Hütten darunter verdeutlichen, wie unglaublich diese Aussage die damaligen Vorstellungen umwälzte.

Da sind wir heute viel weiter!
Echt? Sicher?

Schauen Sie sich nochmal diesen Satz an: Die sinnliche Welt kann durch die Mathematik beschrieben werden. Hat die Medizin das 1:1 umgesetzt?

Nein!

In der Medizin hat sich tatsächlich ein Schleichweg zu einer Autobahn heraus aus der wenigstens mathematisch orientierten Wissenschaft entwickelt – oder umgekehrt eine Autobahn oder ein reißender Fluss von nichtmathematischem Denken in die Medizin hinein, über das bereits besprochene Hintertürchen der Psychosomatik. Psychosomatische Symptome gelten in der Medizin als psychisch induziert und damit „„natürlich““ als nicht mathematisch fassbar.

Da sie aber auch körperlich sind, treffen wir mit ihnen auf Zustände der körperlichen, „sinnlichen Welt“, die psychisch und nicht mathematisch beschrieben werden!!! Und das nicht in Einzelfällen. Der Bereich psychosomatischer Beschwerden ist vielmehr nahezu unbegrenzt, weil jeder Stress, der eine Krankheit beeinflusst, hier gebucht wird.

  • Ist die Medizin also nur eine scheinbar exakte Wissenschaft, die bei Bedarf von Unexaktem bis hin zur Unkenntlichkeit geflutet wird?
  • Sind wir in diesem Bereich so wenig imstande, den Erfolgsgründern wie Galilei zu folgen?
  • Warum nur dieses Tabu? Warum können wir Galilei (geboren 1564!) hier immer noch nicht folgen?

Die Antwort ist überall zu beobachten: Weil wir als Menschen uns davor fürchten, psychisch berechenbar zu sein. Das wäre für den heutigen Menschen eine so unerträgliche Vorstellung wie Galileis irdischer Himmel den Menschen vor vier Jahrhunderten. Das ist unser heutiges Tabu!

Andererseits: Wenn wir die Psyche berechnen könnten – wäre das so schlimm? Wer wollte nicht einen gewalttätigen Diktator oder einen Amokläufer mathematisch exakt „repariert“ wissen? Und all unsere psychosomatischen, funktionalen Störungen gleich mit?!

Spannend. Wie ist das zu lösen?

Wieder hilft hier ein großer Physiker des letzten Jahrhunderts. Werner Heisenberg äußerte, man gewänne den Eindruck, dass bei quantentheoretischen Experimenten die Elektronen eine Art Bewusstsein hätten, sich zu entscheiden. Ein psychischer Ausdruck in dieser mathematisch bissechten Physik! Wie meinte er das?

  • Die Quantentheorie gibt Teilchen einerseits eine Freiheit im Rahmen des Zufalls.
  • Dieser Zufall gehorcht andererseits aber strengen Wahrscheinlichkeitsgesetzen.

Und das tun wir auch. Sonst wären die Ergebnisse politischer Wahlen nicht aus einer kleinen Gruppe „repräsentativ ausgesuchter Personen“ exakt am Wahlabend vorherzusagen. Die anderen Wähler haben folglich als Ganzes der Wahrscheinlichkeit „gehorcht“. Freiheit im Rahmen von Wahrscheinlichkeiten ertragen wir also offenkundig als Bild für unser psychisches Verhalten.

Wenn wir diesen Rahmen der Wahrscheinlichkeit für einen Menschen mathematisch exakt definieren würden, wie bei der Wahl, so wären unsere Einzelaktionen nicht eingeschränkt und dennoch exakt bestimmbar, jedoch nur in der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens.

Damit könnten wir das Loch zum Unexakten in unserer Wissenschaft Medizin stopfen und eine neue, mathematisch exakte Medizin aufbauen. Und mathematisch exakt heilen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Dazu mehr beim nächsten Mal.

Frankfurt, 17.07.12, Walter Köster

1. Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, Hrsg. Josef M. Schmidt, Haug, Stuttgart 1999, §11 Anmerkung
2. Carl Friedrich von Weizsäcker, Die Tragweite der Wissenschaft, 6. Auflage, Hirzel 1990, S. 288